In meinen Gesprächen bei der Arbeit ist es nicht immer klar, worum es geht. Es wäre vielleicht zu leicht und zu einfach, wenn es klar wäre, was getan werden müsste oder wem geholfen werden sollte oder wer eigentlich das Problem oder die Lösung beherbergt.
Meistens ist es komplexer. Die Person, mit der ich spreche, empfindet irgendein Problem, das meistens schon seit längerer Zeit existiert. Und als das Problem irgendwann aufgetaucht ist, war es vielleicht gar kein richtiges Problem. Man stellte fest, dass irgendwas nicht stimmt, aber man konnte es ignorieren, es hat nicht richtig gestört.
Ein paar Monate später trug dieses Problem vielleicht zu einem anderen Problem bei und verschlimmerte ein Projekt, ein Gespräch, ein Vorhaben, eine Initiative, ein Programm oder irgendjemanden, der was zu sagen hat. Und dann hat man vielleicht schon mal überlegt, dass das ein Problem ist und vielleicht sogar kurz überlegt, woran das liegen könnte und was man tun könnte. Wahrscheinlich ist es dann aber wieder in Vergessenheit geraten, untergegangen unter den neuen Aufgaben, Gedanken, Impulsen, Gesprächen und Meetings.
Und ein paar Jahre später ist es ein größeres Problem geworden, weil immer mehr Probleme daran haften geblieben sind, magnetisch angezogen, haben sich zusammengerottet, um noch stärker zu scheinen und auf sich aufmerksam zu machen. Vielleicht so wie Rost, der Krebs der Metalle, der lange Zeit braucht, um zu entstehen und der eigentlich vermeidbar gewesen wäre, wenn man sich um das Material gekümmert hätte.
In einer perfekten Welt sich Zeit genommen hätte, um das Metall zu säubern und zu trocknen und die Macke im Lack überzustreichen. Vielleicht wäre das Problem der Organisation auch nicht entstanden, der Krebs der Organisation, wenn man es in einer perfekten Welt früher bemerkt hätte. Wie eine Macke in der Zusammenarbeit entstanden ist und man hätte sie bemerkt, hätte etwas unternommen und mit irgendeinem Lack drübergestrichen, um das Ausbreiten der Krankheit zu verhindern.
In der unperfekten Welt verbreitete sich die Krankheit unbermerkt und die Probleme zogen sich magisch an und bildeten eine größere, ernstere, bedeutendere Gefahr. Einen größeren Krebs, der in den gesamten Körper ausstrahlte und weitere Problemherde auslöste.
Irgendwann während dieses Prozesses fand das Gespräch statt, zwischen irgendwem und mir, um über irgendein Problem zu sprechen. Wenn ich so darüber nachdenke, dann hat das etwas Klinisches, Ärztliches. Die Suche nach dem Problem im Organismus mit dem Versuch, es besser zu machen, es zu behandeln, es zu lösen, es zu lindern.
Und die Person hat natürlich eine eigene Theorie darüber, was genau los ist und warum das Problem da ist und was man tun sollte, um es zu lösen. Und meine Aufgabe besteht darin, die Zeit zu finden, das Gespräch zu führen. Und die Person anzuhören. Wirklich zuzuhören und zu versuchen zu verstehen, was genau die Person als das Problem sieht und warum das für sie ein Problem ist. Woher kommt die Motivation, das Problem anzugehen? Was glaubt sie, woran das liegt?
Zu dieser Zeit bin ich ein Tourist in einer neuen Stadt. Vielleicht einer Stadt wie Miami, wo ich vor einigen Jahren zu Besuch war. Und ich bin in dieser Stadt fremd, völlig fremd. Wahrscheinlich kenne ich diese Person noch gar nicht und ich weiß nur, wofür diese Stadt steht und kenne vielleicht jemanden aus der Stadt, einen Namen, der irgendeine Beziehung zu dieser Stadt hat.
Und als Tourist versuche ich mich an die Person zu halten, die dort ortskundig ist. Und diese Person eilt durch die Straßen, durch die sie seit Jahren täglich läuft und die Ecken, Pfeiler, Pfosten, Kioske, Geschäfte, Bahnhaltestellen, markante Gebäude dieser Ecke der Stadt kennt. Und als Tourist versuche ich verzweifelt, diese Eindrücke einzufangen, bin damit beschäftigt, meinen Kopf von links nach rechts zu bewegen und das Gesehene zu verarbeiten und staune kurz über eine wunderschöne Stelle, bevor ich das Nächste sehe, das in mein Blickfeld kommt.
Und es bleibt keine Zeit, das Vorangegangene zu verarbeiten und zu verstehen, weil das Nächste schon vorbeieilt, an den schnellen Gang der Füße auf dem Asphalt geknüpft. Die Wörter, Sätze, Beschreibungen, Namen, Positionen, Beziehungen, Titel, Situationen, Beispiele, Beschreibungen, Erklärungen, Rechtfertigungen, Wünsche, Hoffnungen, Erwartungen, die die gedankliche Stadt der Person bilden, strömen mir entgegen. Wie viel kann ich als Tourist, als Fremder, nicht Ortskundiger verstehen? „Hier treffen wir uns …“ „Aktuell ist hier eine …“
In einer organisationalen Stadt, die ich nicht kenne, sind doch auch einige Parallelen zu meiner eigenen Stadt und ich nutze dieses Wissen, um zu helfen.

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